Udo Pollmer, Susanne Warmuth

Pillen, Pulver, Powerstoffe
Die falschen Versprechen der Nahrungsergänzungsmittel
Eichborn Verlag 2008



 
"Heiß getrunken soll er gesund sein; er zerstreut die Melancholie, trocknet die Tränen, beschwichtigt den Zorn und erzeugt freudige Gefühle ... Nichtsdesto- weniger würden die Perserleute ihn nicht so sehr schätzen, wenn nicht die Überlieferung lehrte: Er sei erfunden und erzeugt vom Engel Gottes, Gabriel, um die Kräfte Mohammeds, die schwindenden wiederherzustellen. Mohammed selbst habe sich gerühmt: Jedes Mal, wenn er den Zaubertrank einnahm, habe er eine Kraft verspürt, vierzig Männer vom Sattel zu heben und vierzig Frauen zu beschlafen."

So funktioniert Werbung für Functional Food und Nahrungsergänzungsmittel. Die Rede ist übrigens von Kaffee.

          Titel Powerstoffe

 

Vorwort

„Sie haben drei Wünsche frei!“,

säuselt die Functional-Food-Fee und zaubert mit professionellem Lächeln ewige Jugend, strahlende Schönheit und pralle Gesundheit in Saftflaschen und Margarinetöpfchen auf die Mattscheibe. Eine Werbeunterbrechung später zieht der beschlipste Kollege von der Nahrungsergänzungsfraktion elegant Kapseln, Pillen und Brausetabletten aus dem Hut und verheißt mit sonorer Stimme die Erfüllung derselben Herzenswünsche. Bei diesem Supersondersparpreis - nur für kurze Zeit! im praktischen 500er-Pack! – sollten Sie unbedingt gleich zugreifen. Natürlich waren nur die Wünsche frei, die Ware kostet selbstverständlich ...

Manche Dinge ändern sich nie, zum Beispiel der Wunsch, gesund, schön und potent zu sein. Wider besseres Wissen – das heißt gegen die alltägliche Erfahrung – hört die Menschheit offenbar nie auf zu hoffen, daß soeben ein Wundermittel gegen Krankheit und Verfall entdeckt wurde. Unsere Altvorderen bauten auf Ziegenkot und Einhornpulver gegen Zahnwurm oder Hexenwerk. Die aufgeklärten Zeitgenossen von heute bestellen Schönheitsvitamine, Powerstoffe und Muschelpulver gegen Krebs, Cellulitis und die Angst vor dem Tod. Natürlich will niemand mehr an Zauberei glauben, aber das, was moderne Wundermittel versprechen, ist nichts anderes. Da auch der Nepp mit der Zeit geht, sind die Begründungen, warum sie wirken müssen, allerdings nur noch selten dem magisch-religiösen Wortschatz entlehnt; dem Hokospokus von heute hängt man statt dessen mit allerlei biochemischen Phrasen ein pseudowissenschaftliches Mäntelchen um. Keck wie Mäusedreck!

Doch das sind Äußerlichkeiten. Am Ende werden Kunden immer damit geködert, daß ihnen andere Menschen im Brustton der Überzeugung versichern, das Produkt funktioniere genau so, wie sie es sich wünschen. Wenn der seriös wirkende Fernsehzahnarzt eine bestimmte Zahnbürste empfiehlt, wenn Mutter und Tochter in der heimischen Küche über Abführmittel philosophieren, wenn Oma und Opa auf die Kraft der zwei Herzen schwören oder wenn der sympathische Wetterfrosch mit windzerzaustem Haar probiotische Milchprodukte schlürft, dann sind das nur ein paar Varianten des großen Glaub-mir-und-kauf-das-Spiels. Dabei spielt es nicht die geringste Rolle, ob der beworbene Artikel hält, was die Akteure behaupten – oder ob die Akteure überhaupt irgendeine Ahnung davon haben, was sie da gerade vertickern.

Es ist schon erstaunlich, wie wenig sich das offenkundig Irrationale und das scheinbar Logische unterscheiden, wenn es darum geht, potenziellen Kunden, das Geld aus der Tasche zu leiern! Da praktisch jeden Tag irgendein neues „Vitalsierungsprodukt“ aus irgendwelchen Reststoffen nach immer dem gleichen Muster generiert wird, wie eine Flut von einschlägigen Patentschriften aus vieler Herren Länder belegt, war uns weniger daran gelegen, ein umfassendes Lexikon der Nahrungsergänzungsmittel zusammenzustellen. Wir wollen Ihnen vielmehr die Highlights der Wunderstoffe zeigen, ihren Aufstieg, ihren Fall und ihre Wandlungsfähigkeit.

Neben Nahrungsergänzung oder Functional Food aus dem aktuellen Angebot werden Sie auch auf Mittel stoßen, die schon wieder aus der Mode gekommen sind, wie Mumienpulver (einst einer der ganz großen Renner der Szene), oder die ihren einst omnipotenten Gesundheitscharakter durch Profanisierung verloren haben, wie Coca-Cola. Daneben stellen wir einige Kandidaten aus der ganz gewöhnlichen Lebensmittelwelt vor, die man mit Fug und Recht als „funktionell“ bezeichnen könnte, denen die Experten diesen Titel aber beharrlich vorenthalten, zum Beispiel Kaffee, Kaugummi oder Bärendreck. Last not least werden Sie auf ein paar schier unglaubliche Geschichten stoßen ..., aber wir wollen nicht zuviel verraten. Lesen Sie los! Und lassen Sie sich bloß keinen Bären aufbinden!


 
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