Udo Pollmer, Susanne Warmuth, Gunter Frank

Lexikon der Fitneß-Irrtümer

Mißverständnisse, Fehlinterpretationen und Halbwahrheiten von Aerobic bis Zerrung

Eichborn Verlag 2003, ISBN 3-8218-3943-0

 
"Gesundheit ist die einzige satirefreie Zone in unserer Gesellschaft. Hier herrschen die strengen Regeln der Political Correctness."

Manfred Lütz, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie


"Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: Alles Unbedingte gehört in die Pathologie."

Friedrich Nietzsche, Philosoph

Titelbild Fitness

 

Vorwort

Fit für was?

Für’s Überleben, sprach Darwin. Für’s Vaterland, forderte Turnvater Jahn. Für die ewige Jugend, jubelt der Zeitgeist. Für die Gesundheit, mahnt die Gesundheitsministerin. Ja, was denn nun? Ist Fitneß gut für oder gegen alles, oder darf sich jeder das ihm Genehme aussuchen?
Megatrends, wie der grassierende Fit- und Wellnessboom, oder im Brustton der Überzeugung geäußerte Selbstverständlichkeiten à la „Sport ist gesund“ fordern es heraus: Dem muß man einfach mit fröhlichem Mißtrauen und gesunder Skepsis auf den Grund gehen. Gesagt, getan. Wir starten also eine Entdeckungsreise in die Welt der Pulsuhren, Waschbrettbäuche und Mentalseminare, wagen den Aufstieg auf den Olymp der Sportwissenschaft, begeben uns in die Niederungen der Gesundheitspolitik. Dabei werden wir mehr als einmal auf Abenteuerliches stoßen. Entsprechend fallen die Expeditionsberichte heiter, bissig oder realsatirisch aus, sie sind häufig politisch ziemlich inkorrekt, doch leider allzuoft auch bitterernst.
Fitneß ist ein weites Feld, bei dem vor allem der Körper beackert wird. Schweißbäche fließen, die einen wollen Muskelberge auftürmen, die anderen schuften für flache Bäuche und kernige Pobacken. Als Lohn der Mühe winken Schönheit, Jugend und Erfolg – versprechen zumindest die Hochglanzgazetten. Aber auch in der Landwirtschaft erntet nicht jeder Bauer dicke Kartoffeln. Hier wie dort muß den natürlichen Gegebenheiten zur Not ein wenig nachgeholfen werden: Spritzen gegen unliebsame Zeiterscheinungen, Saugpumpen gegen überquellende Fettreservoire, Pülverchen als Wachstumshilfe oder zur dringenden Ergänzung der erschöpften Nährstoffvorräte. Wenn alles gut geht, kommt am Ende ein marktgerechter Körper der Handelklasse A heraus: eine glatte, makellose Oberfläche, die Inhaltsstoffe sind Nebensache. Der Kopf scheint – mentale Fitneß hin oder her – in vielen Fällen sowieso nur als Halterung für eine möglichst dekorative Gesichtsmaske gebraucht zu werden.
Wenn allenthalben verlautbart wird, daß es jedem und jeder möglich ist, einen „Superbody“ zu erlangen, sofern er/sie nur vier Wochen lang genau nach Plan turnt, cremt und kaut, fällt es leicht, verächtlich über die die Nase zu rümpfen, die nach wie vor mit ihrem bewährten Standardmodell herumspazieren und womöglich sogar damit zufrieden sind. Einfach uncool. Aber wehe denen, die zugeben, sie hätten die angesagten Verschönerungsmaßnahmen vergeblich probiert! Faul, lasch, willensschwach müssen sie sich nennen lassen. So jemand bringt es sicher auch in anderer Beziehung zu nichts. Zu weit hergeholt? Keineswegs: Immerhin 42 Prozent der Unter-30jährigen stimmten dem Satz zu: „Wer nicht an sich arbeitet, um eine gute Figur zu haben und leistungsfähig zu bleiben, ist selbst schuld, wenn er z. B. berufliche Nachteile hat oder nicht so leicht einen Partner findet.“ Das ermittelte das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Körber-Stiftung im Oktober 2000. So wird der Fitneßdrang zum Fitneßzwang. (...)

Wir, die Autoren dieses Lexikons, erlauben uns deshalb, nicht nur die populärsten Behauptungen zu Fitneß, Wellness, Sport und Erfolg auf den Prüfstand zu stellen, sondern zugleich das Geschäft mit der Angst vor Krankheit und Alter zu durchleuchten. Dabei geht es uns nicht nur um Ihr sauer verdientes Geld, sondern auch darum, sich die eigene Unbefangenheit und Vitalität zu bewahren und zu stärken. So halten wir es ab jetzt in diesem Buch mit Friedrich Nietzsche: „Der Einwand, der Seitensprung, das fröhliche Misstrauen, die Spottlust sind Anzeichen der Gesundheit: Alles Unbedingte gehört in die Pathologie.“ Will sagen: No body is perfect – und muß es auch nicht sein.


 
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